Dorfleben

Nachdem ich wieder halbwegs gesund bin und die liegen gebliebenen Dinge aufgearbeitet habe, komme ich auch wieder zum Schreiben.

In einem Dorf gibt es Regeln. Die erste und wichtigste Regel dabei lautet: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ Eine Regel, mit der ich schon immer ganz schlecht leben konnte. Ein Graus für mich war schon als Kind, wenn sich mein Geburtstag näherte. „Du musst aber die Marie auch einladen, schließlich warst Du doch dort auch eingeladen.“ – blöd nur, dass ich Marie eigentlich gar nicht leiden konnte, erst recht nicht mehr, nachdem wir auf ihrem Geburtstag (von dem ich auch nicht so genau wusste warum ich da jetzt eingeladen war) „Prinzessin“ spielen mussten – die rosa-Prinzessinnen-Phase habe ich nämlich einfach übersprungen. Ich wollte Marie nicht einladen, auch nicht, weil man das so macht und immer schon so gemacht hat.*

Nun bin ich hierher gezogen, vom anderen Ende Deutschlands und musste mich in die Dorfgemeinschaft einbringen. Keine Frage, jeder, der denkt, dass kann man „irgendwann“ mal machen, liegt falsch. Ebenso jeder, der in so ein Dorf zieht und sich denkt, dass geht schon irgendwie von alleine. Nein nein, so leicht ist das nicht. „Irgendwann“ ist es nahezu zu spät, man gilt als noch größerer Sonderling, als eh schon (wer zieht denn schon aufs Land). Man muss schauen, dass man sich irgendwie ins Ortsgeschehen einbringt, dass die Leute einen bemerken, aber eben auch nicht gleich den Eindruck haben, da kommt jetzt jemand neues und will alles umkrempeln und „an sich reißen“. Da ich keinerlei Interesse an Feuer und Schusswaffen und nur sehr mäßiges Interesse am Kuchenbacken und Klöppeln habe, gestaltete sich das Ganze jetzt ein bißchen schwierig, denn so wäre ich sicherlich am leichtesten in Kontakt mit den Dorfbewohnern gekommen. Zum Glück habe ich hier am Ort sehr nette und hilfsbereite Nachbarn, die mir in den ersten Wochen hier viel geholfen haben, ohne dass ich darum bitten musste. An die hab ich mich dann auch in der ersten Zeit sehr gehalten, als es drum ging, die anderen Dorfbewohner kennenzulernen. Natürlich hat jeder versucht (und versucht es immer noch) für seinen Verein zu werben – da stoßen sie aber bei mir auf taube Ohren, dass wissen sie inzwischen auch und jeder Versuch wird von einem Augenzwinkern begleitet.

Aber immer wieder: „Weil das immer schon so war.“ – Überall stößt man auf „Weil das immer schon so war…“ Menschen, die sich gegenseitig nicht leiden können, laden sich gegenseitig doch immer wieder zum Geburtstagsumtrunk ein – „weil das immer schon so war“. Hier mailt man nicht mal eben, hier fährt man umständlich 5 mal zu demjenigen hin, von dem man etwas möchte – „weil man das immer schon so gemacht hat“, man kauft Brot beim Bäcker am Ort, obwohl es nicht schmeckt – „weil man das immer schon gemacht hat“…

Und ich stecke in der Bedrouille. Ich hasse „Weil das immer schon so war“. Es ist ein Totschlagargument und bringt einen nicht vorwärts und nicht rückwarts. Es mag egoistisch klingen, aber wenn es sich irgendwie machen lässt, dann handele ich gerne danach, was mein Bauch mir sagt. Ich  möchte keine Menschen zu meinem Geburtstag einladen, zu denen ich sonst übers Jahr keinen Kontakt habe. Noch nicht mal, weil ich sie nicht leiden könnte – es ergibt sich einfach nicht, der Altersunterschied oder die Interessen sind zu unterschiedlich, was auch immer. Ich möchte nicht zum Jahrmarkt abends aufs Zelt gehen und ich möchte keine Fensterbilder für den Weihnachtsbasar basteln.

Aber und hier kommt der Punkt – das hier ist ein kleines Dorf. Ich habe keine Freundschaften hier im Ort, aber doch eine gute Nachbarschaft, nette Menschen, mit denen ich mal einen Kaffee trinken kann und sollte ich doch mal Mehl oder Zucker vergessen haben, dann könnte ich bei jedem Haus im Dorf danach fragen. Die Leute hier sind so gestrickt und sie werden wohl noch lange Zeit so bleiben. Ziehe ich nun all das durch, was ich für mich nicht so gerne möchte – dann entziehe ich mich der Dorfgemeinschaft und bin „draussen“. Das klingt doof, hier ist man aber doch noch mehr aufeinander angewiesen als in einem größeren Ort. Ist das Auto mal kaputt – ist man darauf angewiesen, dass einen jemand mal mitnimmt zum einkaufen. Will der PC mal wieder nicht – ist man drauf angewiesen, mal den Rechner vom Nachbarn benutzen zu dürfen, um die wichtigsten Emails zu checken und die Bankgeschäfte zu machen. Nicht nur ich bin darauf angewiesen, alle anderen Dorfbewohner auch.

Und somit muss ich da für mich Kompromisse eingehen. Ich denke, ich habe für mich einen guten Weg gefunden, mich den Dorfregeln einigermaßen anzupassen, ohne mich selber zu verstellen. Zum Jahrmarkt gehe ich nicht, Fensterbilder basteln werde ich auch nicht – aber die Nachbarn werden einmal im Jahr zu einem gemütlichen Beisammensein eingeladen (wenn auch nicht am Geburtstag), ich schaue immer mal bei den beiden netten älteren Damen vorbei und plausche ein wenig mit ihnen, bin zum Martinsfeuer anwesend, sage nicht immer meine Meinung aber eben auch nicht immer nicht… und ich glaube, so haben sich das Dorf und ich ganz gut arrangiert und können gut miteinander leben.

*Marie habe ich übrigens damals nicht zu meinem Geburtstag eingeladen.

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8 Antworten zu Dorfleben

  1. handvolldackel schreibt:

    Klingt doch, als hättest du einen guten Kompromiss gefunden 🙂 Das sind alles auch genau die Fragen, die ich und mein Zweigenbrötler sich stellen, wenn es um einen möglichen Umzug auf’s Land geht.
    Und schön, dass es dir wieder besser geht!

    • daslandei schreibt:

      Danke schön!

      Ja, da sollte man sich durchaus Gedanken zu machen – aber mit ein bißchen Kompromissfähigkeit geht das schon! Grundsätzlich bin ich ja eh für aufs Land ziehen 😉

      Aber wie sagen unsere Besucher ganz oft – oh, hier muss man aber auch wohnen WOLLEN 😀

  2. frauhilde schreibt:

    Ich finde auch, dass du einen guten Kompromiss gefunden hast.

    Wie ist das denn so von der Mentalität her? Weil „die da oben“ gelten ja als doch ein bisschen anders als „die vunn do“.

  3. firefox05 schreibt:

    Ich sage schon mal bei passender Gelegenheit: Wenn die Regel „Das haben wir schon immer so gemacht“ einen Bestand hätte, würden wir heute noch mit einem Ledereimer zum Feuer laufen und zum Waschen Wasser aufkochen. Und das will ja nun wirklich keiner mehr. 😉

  4. Sab schreibt:

    Zum Glück bin ich aus einem Dorf weggezogen und werde auch nicht mehr in eins ziehen 😉

    • daslandei schreibt:

      Siehst Du, so sind wir alle unterschiedlich 😉

      Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich in einem solchen Dorf aufgewachsen wäre, am besten noch in einer Familie, die sich diesen Strukturen so unterwirft, wie ich es hier teilweise sehe… Dann hätte ich vielleicht so schnell wie möglich auch meine Koffer gepackt.

      So habe ich mich ganz freiwillig entschieden, habe meine Kompromisse gefunden und kann das Ganze ein bißchen von aussen betrachten und darüber schmunzeln oder auch mal den Kopf schütteln.

      Ich habe diese Lebensart gewählt, nachdem ich vorher doch auch schon ein paar Schritte durch andere Lebenswege gegangen bin und jeder einzelne war notwendig, damit ich mein Leben hier und jetzt so führen und genießen kann.

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